ritz

in ihr gärt
eine tiefe wut
das skalpell
in ihrer rechten
soll ihr gewirr
entflechten

die angst in ihr
ein ungetier
schleicht ätzend
durch ihr leben
ihr körper zittert
ihre seele knickt
sie bricht

das feuer tanzt
auf ihrer haut
wühlt sich heiß
in ihren bauch
ihr tränenblut
erglüht
der wahre trost
von ihr gefühlt

mutig geht sie
ihren weg
sich nicht mehr
selbst verletzen
nicht ihr dasein
weiter hetzen

langsam lernt sie
sich zu lieben
ritze ratze
scheiß romanze
zerstört sie
das geritzte herz
der pomeranze

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irgend

irgendwann
folg ich meiner
zährenspur,
träne für träne,
bis zum fluss

vielleicht
sammle ich mich
wieder ein,
stück für stück,
kein zurück

irgendwann
näh und füg ich
mich zusammen,
stich um stich,
nur für mich

vielleicht
spinn und web ich
glitzerfäden
um den neumond
und um mich

vielleicht aber,
bleib ich im
irgendwo,
neu im alten
und dem mondenschein

 

 

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überbleibsel


dein lachen klingt
bösartig, spottend
und gemein,
bald bist du ganz allein

hinter meinen rippen
pocht es donnernd,
rasend wild
baut sich ein festes schild,
um die liebe zu ersticken

deine blicke starren,
eisig, stechend und
voller hohn,
du nennst mich
deinen sohn

hinter meinen lippen
kämpft es zitternd,
ungesagter wörterschlag,
um die hoffnung aufzugeben

doch ich werd täglich
ein stück wachsen,
kann auf meinen beinen
stehen, aufrecht gehen

und du wirst mit der zeit
immer etwas kleiner sein

 

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Reisebericht

 

 

Busfahrt Bremen – Barcelona
22 Stunden
Barcelona – Bremen
20 Stunden


Montag, 05. Juli 2010 16.12h

SMS:
Hi, Mama, bin gut angekommen.
Ich brauche Flip-Flops.

Dienstag, 06. Juli 2010 20.55h
SMS:
Mama, die Hitze macht mir etwas zu schaffen.
Aber viel schlimmer ist, ich brauch 'ne neue Sonnenbrille.

Antwort:
Gefällt es dir in Barcelona?


Sonntag, 18. Juli 2010 12.07h
„Hallo Mama.“
„Hi, Süße, schön dich zu hören. Wie geht es dir und wo bist du?“
„Mir geht’s gut. Wir sind in Deutschland.“
„Hm. Schon in Bremen? Dann fahre ich sofort los, um dich abzuholen.“
„Nein, noch lange nicht in Bremen.“
„Wo in Deutschland bist du denn?“
„Das weiß ich doch nicht.“
„Aha, wann soll ich dich abholen?“
„Woher soll ich das wissen? Du kannst vielleicht Fragen stellen.“
„Süße, dann erkundige dich bitte bei deinen Betreuern.“
„OK, Tschüß.“
„Wie war…..“ klick. Tuuut.

Sonntag, 18. Juli 2010 12.41h
SMS
Um 18 h kannst du mich abholen.

Sonntag, 18. Juli 19.17h
„Mama, ich telefoniere jetzt mit Jessi, Cedi, Saskia und Basti. Ich hab seit 2 Wochen nicht mit ihnen gequatscht.“
„Äh, wollen wir nicht zuerst über deinen Urlaub sprechen?“
„Nein, erst nach den Telefonaten, versprochen.“
„OK.“

Sonntag, 18. Juli 2010 22.52h
„Mama, lass uns morgen reden, ich bin völlig erledigt und geh ins Bett.“
„Gute Nacht, Süße, aber ich will dich eben noch einmal drücken. Ich hab dich lieb.“


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Amboss und Funken

 


Schläge. Gewaltige, eherne Schläge, wie bei einem Schwertschmied. Mit voller Wucht donnert der Schmied den Hammer auf eine Klinge, die glühend heiß auf dem Amboss liegt. Funken sprühen. Die Klinge vibriert und schreit ihre Verformung heraus.

Ihr Hals glüht und sie fühlt in der Kehle einen Eisenklumpen, dennoch atmet sie. Ihre Hirnzellen wirbeln wie Funken im Kopf herum, wobei ihr Herz vibriert. Angestrengt versucht sie gegen das Hämmern anzukämpfen, um einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hustet.

Wieso donnert mein Herz so stark gegen die Brust? Das erinnert mich an das verzweifelte Schlagen eines Eingesperrten. Oder an ein gefangenes Tier, das sich beständig an den Käfig wirft, um endlich zu entkommen. Will mein Herz entkommen? Fliehen tut man nur in höchster Not. Fühle ich etwa Angst? Blödsinn! Aaah, mein Kopf. Bekommt man solche elenden Schmerzen in Angstsituationen? Nein, soweit ich weiß, schießt Adrenalin durch den Körper, der alles betäubt. Wenn sich kein Adrenalin in meinem Körper befindet, aber ich Schmerzen spüre, dann kann ich keine Angst empfinden. Doch! Wieso doch? Weil dein Herz es dir sagt. Wovor habe ich denn Angst? Keine Ahnung. Das ist absoluter Quatsch, es muss ein Traum sein. Gleich wache ich auf, nehme eine Tablette, koche Tee und gönne mir eine entspannte Badestunde. Sobald Tobias bei mir ist, erzähle ich es ihm. Er wird mich umarmen und küssen. Dann fühle ich mich wieder sicher.
So, Gaby, mach' die Augen auf, fordere ich mich auf. Vergeblich strenge ich mich an. Mach jetzt deine verdammten Augen auf. Sofort öffnest du die Augen. Keine Panik, beruhige ich mich. Gaby, du hebst deine Augenlider an und betrachtest die Umgebung. Ich fühle keine Panik. Nein, wirklich nicht, rede ich mir ein. Wieso kann ich sie nicht öffnen? Schrei, rate ich mir. Schrei noch lauter. Herz, wir spüren keine Panikattacke. Viel ist von meinem Schrei nicht durch die Kehle gedrungen. Warum fühle ich mich so zugeschnürt und bewegungslos? Ich habe Angst. Große, sehr große Angst. Schrei nochmal, Gaby. Okay, okay, was sagte Birgit im Meditationskurs? Ruhig ein- und ausatmen, finde deine Mitte. Du merkst, wie dein Körper entspannt. Ruhig ein- und ausatmen, bete ich mein Mantra herunter. Ich spüre überhaupt keinen Körper. Das gibt's doch gar nicht. Was ist mit mir passiert? Schrei nochmal, aber diesmal so richtig laut. Herz, wag es nicht, mich jetzt zu verlassen. Du bleibst wo du bist. Wir versuchen besonnen vorzugehen. Woran erinnere ich mich? Weine ich? Ja, Gott sei Dank, ich weine. Weinen befreit! Ja, Gaby, heule und mach die verdammten Augen auf. Es muss doch funktionieren, wenn ich weinen kann. Können Tränen die Augen ertränken? Nein, bleib cool und unterlasse die Spinnerei. Aaah, mein Kopf. Das ist kein Traum sondern echt. Flach ein- und ausatmen. Keine Panik. Dann hör auf Gedanken an Panik zu verschwenden. Das ist eine gute Idee, Kopf. Herz, du schlägst normal, während ich mich konzentriere. An was erinnere ich mich?

Ich könnte gestorben sein. Wie das denn? Klopft das Herz nach dem Sterben? Nein, absoluter Blödsinn. Ich glaube daran, von Engeln abgeholt zu werden. Woher will ich das wissen? Mir fehlt eine gewisse Sterbeerfahrung, gebe ich zu. Tote weinen nicht. Hör jetzt endlich auf. Wieso aufhören, es besteht durchaus die Möglichkeit. Herz, wieso bist du so still? Ich bin tot. Atme, Gaby, atme ruhig weiter. Tief einatmen. Keine Panik. Herz, wieso weine ich, wenn ich tot bin? Bleib logisch, Gaby. Ich erinnere mich, wie Wissenschaftler bei Probanden ein künstliches Nahtoderlebnis auslösen wollten, um zu erforschen, ob die Erzählungen der Zurückgekommenen stimmten. Sie schafften es nicht und vermuteten, es gäbe in unserem Hirn eine Art Software, die sich automatisch abspult, wenn man im Sterben liegt. Hm? Es lag, glaube ich, in der Hirnanhangdrüse. Vielleicht ist meine Software beschädigt? Ist das der Grund, warum ich atme, spüre, fühle, weine und denke? Aaaah, dämlicher Kopf, du ärgerst mich extrem. Bist du kaputt? Natürlich bist du nicht dämlich, aber vielleicht durchgebrannt und dadurch sehe ich keine Engel, die mich irgendwohin schaffen. Womit beschäftigte ich mich vor diesem Zustand? Bitte, schenke mir die letzte Erinnerung.

Tobias schimpfte, weil er über meine Arbeitstasche stolperte. Genervt verabschiedete ich mich nicht, bevor ich die Tür zuschlug. Mit dem Fahrrad fuhr ich los. Und dann? Erinnere dich, Gaby, was war dann? Was geschah danach? Keine Panik. Verdammter Schädel, du störst. Erreichte ich meinen Arbeitsplatz? Warum gibst du mir keine Antwort, Hirn? Nicht weinen, das bringt doch nichts. Okay, ein bisschen heulen und dann weiterdenken. Hatte ich einen Unfall? Das erklärt einiges, aber wo bin ich? Wieso funktionieren meine Augen nicht? Ich bin blind, nie wieder kann ich sehen. Nein, keine negativen Gedanken. Es wäre möglich, dass ich gerade operiert werde. Müsste ich dann nicht sowas wie Geschirrklappern, Herztöne, laufende Geräte, oder die Ärzte hören? Vielleicht betäubten sie nur meinen Kopf oder wurde ich auch noch Taub? Schrei sicherheitshalber nochmal, Gaby, motiviere ich mich. Herz, warum rast du wieder davon? Lass das, du blockierst meine Gehörgänge. Aaah. Ein- und Ausatmen. Immer ruhig bleiben. Scheiße, ich will das nicht. Ich habe, verflucht nochmal, Angst.

Der Schmied taucht die Klinge zum Abhärten ins Wasser. Es zischt, Dampf steigt auf und in der Ferne heulen Sirenen durch die Nacht.

 


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Koffer zum Poppen

 

Alles liegt geordnet und übersichtlich am richtigen Platz.
Richtiger Platz?
Naja, zumindest innerhalb scheint es so. Vielleicht zu voll? Das Leergut bleibt, dafür gibt es wenigstens noch Pfand. Wie hoch ist der Pfand? Eine komplizierte Frage, aber wenn ich Pfand für Leergut erhalte, dann muss leer Gut sein. Welcher Schwachmat für 'leer' Pfand gibt, ist doch völlig schnuppe. Freudig tauscht er das Leergut mit dem Pfandgeld.

Mühsam schleift er den Koffer, ohne Leergut aber mit Pfand, zur Rolltreppe. Immer wieder bis er ganz oben ist. Oben ist Prada, Gucci, Valentino, Chanel, Manolo Blahnik und so 'n Zeugs. Darüber gibt es nur noch himmlische Meister, die sich nicht entscheiden können, ob sie poppen wollen. Dieser Streit dauert schon ewig. Vermindert Zeit den Pfandwert, überlegt er angestrengt, bevor er den Koffer in eine Boutique stellt.

Sein Koffer macht sich ausgesprochen putzig inmitten all des wertvollen Krams, findet er. Genauestens misst er den Abstand zwischen Umkleidekabine und Koffer. 2,83m sind es bis zur rechten, unteren Ecke des Koffers. Genau dort liegt das schlechte Gewissen, umzingelt von Aufregung, Neid und Eifersucht, stellt er verblüfft fest. Er verlässt das Geschäft, setzt sich auf die Bank gegenüber und beobachtet aus sicherer Entfernung den Koffer ohne Leergut, aber mit Pfand. Den Schriftzug 'zum Poppen freigegeben', kann niemand übersehen, das weiß er. Uih, da kommt jemand, der neugierig auf den Koffer starrt. Verschämt dreht der Fremde sich um, bevor er mit aufgesetztem Charminglächeln weiterzieht, ohne den Koffer mitzunehmen. Seltsam, grübelt er, dabei liegen dort Neugier, Scham und Charme ziemlich dicht beieinander. Sogar fast zentral.

Oh nö, du bist nicht erwünscht. Für sowas ist er mir zu schade. Komm, verpiss dich, regt er sich stumm auf. Ja, klar doch, heb ruhig dein Bein. Mist, du ertränkst die linke Ecke. Was befindet sich da noch, fragt er sich. Stress, Wut und Frust? Oder etwa Lust?

Was ist das denn für eine Lackgetakelte, rufen seine Gehirnzellen erschreckt. Wieso schüttelt ausgerechnet die den Koffer? Hey, hör sofort auf, schimpft er lautlos. Denk doch an die Ordnung, du blöde, fiese Kuh, da ist 'ne Ordnung drin. Arroganz, Stolz und Dummheit gehören nicht zusammen, oder doch? Herrje, sie hat Anspruch und Unfähigkeit getrennt. Das Glück rollt zum Hass und Lachen verschwindet im Weinen. Oh, nein, nun rollen Schalk und Erregung auch noch in die ertränkte Ecke. Wie soll ich denn den Überblick behalten?

Dreist rollt sie den Koffer hinter sich her Richtung Toilette. Du Miststück, denkt er ungläubig, als sich der Kummer durch die Freude schiebt. Abrupt stellt sie den Koffer neben der Tür ab. Was die macht, das geht ja gar nicht. Hilflos schaut er zu, wie Klug sich verzweifelt an Trauer krallt. Verdammt, verdammt, die Ordnung ist futsch, auch ohne Leergut und mit Pfand. Pfand ist gut? Welcher Schwachmat den Pfand gibt, ist doch nicht schnuppe, erkennt er!

 

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Alt hat Charakter ;-) manchmal zumindest
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