Tritt ein

Durch die Hintertür schleicht sie sich ins Haus, bis 

sie in einem dunklen Flur steht.
Kahle Wände, die sich ihre Atemgeräusche 

zuwerfen, begrüßen sie. Eine Eichentür durchbricht
die Wand und schenkt den kalten Fliesen einen 

schmalen Lichtkegel, der vergeblich versucht,
über die erste Fuge zu kriechen. Fasziniert 

beobachtet sie den Kampf. Ihr Augenlicht spiegelt 

die Schattenfunken wieder.
Zögernd nähert sie sich der Eichentür, die sich 

ihr fast schon entgegenstreckt, um ihr die
Klinke zu reichen.
Langsam drückt sie sie herunter und befreit 

die Tür aus ihrer Zarge.
Das knisternde Holz im Kamin winkt ihr zu, als 

wolle es sie einladen. Zögernd betritt sie die Wohnküche.
Auf dem Ofen steht ein dampfender Kessel, 

daneben eine Tasse mit einem Teebeutel, ein
Löffel, eine Zitronenscheibe und ein Stück Kandis.
Sie gießt das heiße Wasser in die Tasse, presst 

die Zitronenscheibe über dem Dampf aus
und lässt vorsichtig den Kandis in den Tee gleiten.
Während sie zum Sofa geht, rührt sie in ihrer 

Tasse, wobei sie den kleinen Sog betrachtet,
der beim Rühren entsteht.
Sie zieht ihre Schuhe aus, bevor sie sich aufs Sofa 

legt.

Am Haupteingang steht ein Schild:
„Betreten verboten“
Die Abrissbirne schnellt quietschend auf die 

Hauswand zu.

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seelenflügel

es gibt ein seelenflügel
ihm fehlt sein gegenpart
er sehnt, die wellen trügen
ihn zu seinem federpaar

manch federn sind geknickt
manche schlimm verbrannt
sein weg mit angst gespickt
fast wär er fortgerannt

nächtens wird er bei dir liegen
schützend deinen atem pflegen
seine federn auf dich legen

er ist mein seelenflügel
seine träume reichen weit
doch fliegen kann er nur zu zweit


 

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treppchen

nein, es tut nicht weh,

mühsam schleppt sie
sandsäckchen für sandsäckchen

irgendwann steht sie drüber

 

 

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knebelig

 zuviel erzählt,

was das ungesagte quält,
gefesselt und geknebelt
warten,
bis es wird erwählt,
von demjenigen,
der taubes versteht


 

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Was wäre,

wenn die Ignoranz den Ignoranten ignoriert
und die Toleranz toleriert?


Stille!

 

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TickTack

 

Die Zeit macht keine Gefangenen.

 

Tick Tack

Tick Tack


Sie gibt nur weiter,

manchmal auch verkehrt.

 

Tack Tick

Tack Tick 

 

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 Vers(h)uch


 

plötzlich fiel's aus meinem herzen

                 taktlos war ein satz geboren

               roh und schön und ohne schmerzen

könnt ich's schaffen ihn zu formen?

 

worte atmen silben drehen
verse schmieden sinne lenken
grips benutzen strophen sehen
töne heben andres senken

 

takte die verloren gingen
einfach so vom rande kippten
zeilen die sich nicht verfingen
aber an den lippen wippten

 

silben die sich sinnvoll fügten
worte die sich sprechen ließen
ohne jemals zu betrügen
waren nicht so schnell am fließen

 

vieles sollte ich verwerfen
lieber neues denken greifen
müsste jemand mich bewerten
'älteres könnt weiter reifen'

 

 

 

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Spiegelbild


Der Spiegel der Vergangenheit,

gibt dir das Verstehen.

 

Der der Gegenwart,
offenbart dir dein jetziges Leben.

 

Der der Zukunft,
zeigt dir das, was sein wird.

 

In welchen möchtest du schauen?

 

Den Spiegel der Zukunft.

 

Dann blicke tief hinein.

 

Er zeigt mir nichts.

 

Welche Zukunft hast du,
wenn du vergangenes nicht verstehst?

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 Kariertgestreifte Sonnenblumen

 

Sein Blick himmelwärts. Viele Farben in Karos. Ihm ist, als würde er liegen. Der Himmel ist kariert. Eine Weile starrt er fassungslos ins Nichts, bevor er sich auf die Karos konzentriert: 

Muster -  bunt, schrill, grotesk. 
Lächerlich.
Mit geschlossenen Augen, schüttelt er den Kopf . Normalerweise half es, sich einmal kräftig auf den Schädel zu boxen- jetzt nicht. Arme und Beine spürt er nicht. Wieso eigentlich? Sein Oberstübchen funktioniert analytischer, da es sich nicht um seine Körperteilchen kümmern muss. Sein Körper befindet sich in einer kreativen Schaffenspause, na toll. 
Der Schädel ist nicht gerade in bester Verfassung. Mit Aspirin wäre ihm enorm geholfen. Wieso liegt er hier überhaupt und wo ist hier?
Er öffnet die Augen, ein lauwarmer Windhauch kitzelt sein Gesicht. Er würde sich kratzen, hätten seine Glieder keinen Urlaub genommen.
Tim ist verunsichert.

Sein Blick abermals himmelwärts. Langsam schiebt sich etwas Schwebendes in sein Blickfeld. Ist das eine Wolke? Tatsächlich. Sie trägt ein lila-gelbes Streifenkleid und wird von einer längsgestreiften rosa-blau-orangenen Wolke verfolgt. Wie bescheuert sieht das denn aus, denkt er, wobei er sie hypnotisiert anstarrt.
»Ich sehe nicht bescheuert aus«, kontert Längsgestreift und starrt zurück, »schau dich an, du siehst übel aus.«
Sein Gesicht zuckt verwirrt, wütend schleudert er ihnen

»Verpisst euch, ihr hässlichen Farbtupfer«, entgegen.
»Komm, wir verziehen uns lieber«, mischt sich Streifenkleid ungefragt ein.

Ist er verrückt oder in einem Traum? Er spricht mit Farbtupfern. Hat er seine Stimme gehört? Kann er überhaupt noch hören? Zwei Wochen war er mal taub. Aber, halt! Haben sich seine Lippen bewegt?

»Oh, Alter, du bist echt im Arsch«, rüffelt er sich kopfschüttelnd.
Tim ist zornig.

Sein Blick angestrengt himmelwärts. Vielleicht ist das nicht oben sondern unten, oder obendrunter, drunteroben? Möglicherweise sogar seitenunten, hinteroben? 
Tim sinniert still. 
Plötzlich hört er: watsch___platsch___watsch___platsch. Das Geräusch kommt auf ihn zu. 
Sein Blick bewegt sich fußwärts.
Watsch__platsch___watsch___platsch. Das Geräusch wird lauter. Er bereitet sich auf alles Unmögliche vor. Zumindest, soweit es seine Fantasie zulässt. 
Blitzschnell erscheint ein Kopf. Kopf?! Ja, ein Blütenkopf.
»Oh, Alter, du bist mehr als kaputt.«
Tim lacht herzhaft.
Watsch__platsch. Vor ihm steht eine hohe Sonnenblume. Ihr unteres Wurzelgewusel ist mit Erde verziert. Lachtränen laufen an den Gesichtsseiten herunter und wärmen seine Wangen.

»Junger Mann, was ist so lustig? Worüber lachst du?«
»Über dich, über mich. Ich weiß nicht so genau. Wieso sprichst du mit mir? Normalerweise ist es für mich ein leichtes, dir den Kopf abzureißen«, prustet er lauthals.
Sie nähert sich, kniet!? sich nieder, streichelt sein Gesicht mit ihrem Blatt.  
Tims Kehle wird eng. 

»Wer bist du? Du liegst hier so alleine«, haucht sie.
»Ich habe vergessen, wer ich bin. Wohin gehst du?«
»Nach Hause, mit meiner Kleinen. Kleeeeines, komm zu mir«, ruft sie.
Tim lauscht gespannt. 

Watsch_pling_platsch_pling_watsch_klatsch_pling_platsch_watsch. Eine kleine Sonnenblume läuft auf ihn zu, schnauft und wäre fast gestolpert. An einem ihrer Blätter befinden sich mehrere silberne Armbänder, die aneinanderrasseln.
Neugierig begafft sie ihn.
»Kleine, kannst du nicht woanders hinschauen? Vielleicht nach obenunten? Dort gibt es einen karierten Himmel«, schlägt er vor.
»Was ist kariert?« 
»Verschobene Quadrate«, nuschelt er.
»Was sind Quadrate?«
»Vierecke, Herrgott nochmal, deine Fragen nerven. Ich will nach Hause.«
»Dann komm mit«, fordert sie ihn auf.
»Wie denn, du Besserwisserin?«
Tim ist erstaunt.

Die große Sonnenblume steht auf.

»Du brauchst nur intensiv ans Gehen denken und dann funktioniert es von alleine«, erklärt sie.
Immer und immer wieder denkt er, ich gehe jetzt, ich gehe jetzt. Er spürt, wie sein Schädel langsam in die Höhe schwebt.
»Wie geil ist das denn? Ich schwebe. In welche Richtung müssen wir?«
Die große Sonnenblume zeigt nach rechts. Kleines lacht ihn an. Fehlt ihr etwa ein Zahn? Hat er jetzt auch noch Sehprobleme? Ist auch egal. 

Tim schwebt schneller.
»Ich fliege, seht ihr das? Ich fliege.«
»Nicht so schnell, ich komme nicht mit«, jammert Kleines.
»Na gut, ich will mal nicht so sein«, er greift nach ihrem Blatt, »wenn du anfängst zu plärren, dann drehe ich dir deinen Stil um.«
Tim und Kleines lachen glücklich.

Plötzlich stößt er an etwas Hartes. Er lässt Kleines los, bevor er zu Boden fällt. Sein Kopf schmerzt wieder. Ängstlich blickt er sich um, kann allerdings nichts erkennen, was seinen Flug gestoppt haben könnte. Dafür erblickt er die große Sonnenblume, die auf einen schmalen Spalt zu deuten scheint.
»Wir müssen hier durch.«
Mühsam rappelt er sich auf, indem er konzentriert ans Gehen denkt und folgt Kleines. Neugierig schielt er in den Spalt. Tausende und Abertausende knallrote, sich bewegende, Steine prallen heftig aufeinander.
Dongdongdong
Tim könnt kotzen.

»Da schwebe ich bestimmt nicht durch. Das sind Stolpersteine, die mich erschlagen können. Haltet ihr mich etwa für völlig bescheuert. Ey, das könnt ihr vergessen. Ich flieg zurück.«
»Du kannst nicht zurück«, murmelt Sonnenblume.

Ihre entsetzte Stimmlage lässt ihn aufhorchen.
»Warum nicht?«
»Hast du das vernichtende Rufen des Unsichtbaren etwa nicht gehört?«
»Nee, nee, nee, ich werde mich nicht so dummblöd von den Steinen erschlagen lassen. Mit mir nicht. Ich fliege jetzt nach Hause.«
Tim ist bockig.

»So funktioniert das nicht. Du musst dort durch um nach Hause zu kommen. Alle erwarten dich freudig.«
»Niemand freut sich auf mich, geschweige denn erwartet mich.«
»Aber alle, die so sind wie du, wohnen dort.«
»Ey, Alte, willste mich etwa beleidigen? Was weißt du schon über mich? Nix. Du kennst mich nicht und weißt gar nix. Gar nix. Hörst du?«
Tim schreit. Kleines beobachtet ihn.
»Und du hältst jetzt ja deine Schnauze. Sonst ….«, droht er.
»Es gibt für dich keinen anderen Weg«, unterbricht die Sonnenblume, »es gibt nur diesen Spalt. Das Unsichtbare ist nah und erdrückt uns.«
Tim denkt nach.

»Du gehst vor, Kleines«, befiehlt er.
Sie watscht in den Spalt. Misstrauisch folgt er ihr. Die Steine prallen heftiger aufeinander, als ob sie sich verteidigen wollen. Dröhnend hallt das Aufschlagen in ihm wieder.
Tim schwebt mutig weiter, wobei das Schallende ihn begleitet.

Dongdongdong.

Sie steuern auf ein riesiges Areal zu, das von Bergen flankiert ist. In der Mitte befindet sich ein See. Abertausende unterschiedliche Blumen stehen, fröhlich schnatternd, kreuz und quer beisammen. Seine Begleiterinnen hopsen in ein kleines Erdloch, bevor sie ihre Wurzeln einbuddeln. 

»Komm, Junge, wir graben dir ein gemütliches Loch und sorgen für dich, bis du wurzelst.«

Tim springt.

Sein Blick himmelwärts.

Schlagzeile:

Passanten fanden heute Morgen den 293. Drogentoten in diesem Jahr auf einer Bahnhofstoilette. 


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Highlands

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alt hat Charakter ;-) manchmal zumindest
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